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„Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ oder „Tři oříšky pro Popelku“

12.12.2010 13:51

P ünktlich zum Saisonstart von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ kann ich es mir nicht verkneifen, etwas über meine Lieblingsmärchenverfilmung zu schreiben. Außerdem passt es in die Reihe: „Filme vor meiner Zeit“, denn dieser Film flimmerte bereits 1973 das erste Mal über die Mattscheibe.

F ür alle, die Aschenbrödel nicht (so gut) kennen, hier nochmal kurz, worum es geht: Aschenbrödel lebt mit ihrer Stiefmutter und ihrer Stiefschwester in einer kleinen Siedlung. Ihr Vater ist bereits verstorben. Damit bleibt ihr keinerlei Rückhalt durch die Familie. Sie ist Küchenmagd und kümmert sich um Stall und Hof. Doch wie sich das für Jugendliche gehört, befolgt sie die Anweisungen der mürrischen Stiefmutter nicht oder nur äußerst wenig. Genau dieser Umstand führt Aschenbrödel zum Prinzen. Denn auch wenn ihr verboten wird, in den Wald zu gehen, zu jagen oder auf dem Ball zu erscheinen, findet sie immer wieder einen Weg es doch zu tun. Dabei helfen ihr, wie der Titel verrät, die drei Haselnüsse. Da der Prinz ähnliche Interessen hegt wie Aschenbrödel, scheint es zudem unüberwindlich, sich stets über den Weg zu laufen und so kommt es, wie es kommen muss: Beim Ball nähern sich die beiden an und Aschenbrödel gibt dem Prinzen ein Rätsel auf. Wenn er es löst, stimmt sie seinem Heiratsantrag zu.

A bgesehen davon, dass diese Interpretation natürlich nicht vollends dem Original der Brüder Grimm entspricht (Differenzen können hier nachgelesen werden), gibt es überwiegend Positives zu bemerken. Zum einen sind die Schauspieler erstklassig, wie Libuše Šafránková (Aschenbrödel), Pavel Trávníček (Prinz), Rolf Hoppe (König) und der in Märchen immer wieder gern gesehene Vladimír Menšík (Knecht Vinzek) beweisen. Und zum anderen sind die Kostüme und die Örtlichkeiten hervorragend gewählt. Das Barockschloss Moritzburg scheint daher, verständlicherweise, immer wieder als Pilgerort für Aschenbrödelfans zu fungieren. Doch Drehorte allein machen noch keinen Märchenfilm. Natürlich gehören die Dialoge dazu. Sprüche wie „Lieber geh ich Bäume fällen“, „Der guckt wie die Olle aus den Nudeln!“ oder “Nur ein kleines Mädchen, ein Hühnchen ohne Federn!” zeugen doch wahrlich von viel Humor und Einfallsreichtum. Bezeichnend ist auch dieser Dialog: König: “Willst du mich auf den Arm nehmen?” Darauf der Prinz: “Dich auf den Arm nehmen? Das würde ich nicht wagen!” Hier können sich Kinder und Jugendliche doch nur wiedererkennen.

U nabdingbar ist die Bezugnahme auf die Musik. Ich verzichte absichtlich darauf, auf ein bestimmtes Lied einzugehen, welches die Titelmelodie Svobodas verwendet. Denn dabei wird mitnichten auf das Märchen oder die Figuren eingegangen. Und was noch viel ärgerlicher ist: Es wird daraus ein schlimmer Schlager gemacht, der, seinem Genre entsprechend, immer nur den gleichen Inhalt bedient. Pfui!
Nun aber zum wirklich wunderschönen Soundtrack von Karel Svoboda, der auch die Musik für „Die Biene Maja“ und „Wicki und die starken Männer“ komponierte. Wer den untenstehenden Link bedient, wird merken, wie passend die Musik gestaltet ist. Sie unterstützt in jeder Situation die Gefühle Aschenbrödels und die Atmosphäre des Films – verträumt, spielerisch, klassisch und auf märchenhafte Weise einprägsam. In diesem Zusammenhang sind, vor allem für mich als aktiven Tänzer von Tänzen des Mittelalters, der Renaissance und des Frühbarock, die Tanzszenen sehr unterhaltend und sehenswert.

S chließlich muss ich meine Lobeshymne mit dem Hervorheben der belustigenden, liebenswerten und durchdachten Nebencharaktere beenden: Die personifizierten Tiere, Prinzessin Kleinröschen, der Diener Vinzek und der Präzeptor verzieren den Märchenfilm zu einem vollendeten Kinderfilm. Zu diesem Schluss kommt ebenso der Bundesverband Jugend und Film e.V., der 3HfA in seinen Schulfilm-Kanon aufgenommen hat (Auszug: siehe unten). Ein Grund dafür war sicherlich auch, das für 1973 starke emanzipierte Frauenbild Aschenbrödels, welches eben nicht strickt und Teller wäscht, sondern Füchse jagt und im Wald umherzieht.

Nun … ich könnte nun noch ewig weiterschreiben, aber ich belasse es hierbei und schließe mit den letzten Worten des Films:

Aschenbrödel: „Kannst du mir jetzt mein Rätsel beantworten? Die Wagen sind mit Asche beschmutzt, aber der Schornsteinfeger ist es nicht. Die Armbrust über den Schultern, aber ein Jäger ist es nicht. Ein silbergewirktes Kleid zum Ball, aber eine Prinzessin ist es nicht … Wer ist das?“
Leute vom Hof: „Unser Aschenbrödel!“
Prinz: „Und auch meins, wenn du mich willst?“

Auszug aus dem Filmkanon

  • The Kid, Charles Chaplin, USA 1921, ab 6 Jahren
  • Die Abenteuer des Prinzen Achmed, Lotte Reiniger, Deutschland 1924 – 1926, ab 6 Jahren
  • Emil und die Detektive, Gerhard Lamprecht, Deutschland 1931, ab 6 Jahren
  • Der Zauberer von Oz, Victor Fleming, USA 1939, ab 8 Jahren
  • Die Geschichte vom kleinen Muck, Wolfgang Staudte, DDR 1953, ab 6 Jahren
  • Das Dschungelbuch, Wolfgang Reitherman, USA 1967, ab 6 Jahren
  • Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, Vaclav Vorlicek, CSSR/DDR 1973, ab 6 Jahren
  • E. T. – Der Außerirdische, Steven Spielberg, USA 1982, ab 8 Jahren
  • Flussfahrt mit Huhn, Arend Agthe, Bundesrepublik Deutschland 1983, ab 8 Jahren
  • Ronja Räubertochter, Tage Danielsson, Schweden/Norwegen 1984, ab 8 Jahren
  • (…)

Trailer/Film (Die ARD sendet 3HfA in HD und mit restauriertem Ton):

Soundtrack:

Anke Schuster

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„Ich sehe den Mann deiner Träume“

03.12.2010 20:08

V iel Liebe, wechselnde Partner und ein paar Intrigen. Klingt doch ganz nach Shakespeare – ja, genau und diesmal auch nach Woody Allen. Seit dem 2. Dezember beglückt uns der große Regisseur mit seinem 41. Film: „Ich sehe den Mann deiner Träume“ (OT: You Will Meet a Tall Dark Stranger). Und nicht nur, dass Allen Shakespeare zitiert. Nein, er orientiert sich auch gleich noch thematisch an ihm. Wie kann man es auch anders erwarten von einem Regisseur und Drehbuchautoren, der jahrelang am Theater gearbeitet hat. Die Umsetzung des Stoffs gelingt in Maßen. Es ist nun einmal so, dass die Liebe für einen Film als Hauptthema schwer zu realisieren ist, wenn es nicht allzu kitschig werden soll. Shakespeare hatte es da mit seinen dramatischen Touch, seiner wundervolle Sprache und seinen Maskenbällen einfacher. Allen versucht es dennoch.

In „Ich sehe den Mann deiner Träume“ geht es um drei Pärchen, die versuchen ihre Beziehung in den Griff zu bekommen. Helena (Gemma Jones) sucht Rat bei einer Wahrsagerin, die ihr alles sagt, was sie hören will. Tochter Sally (Naomi Watts) ist unglücklich verheiratet und verliebt sich in ihren Galeristen Greg (Antonio Banderas). Ihr Mann tut es ihr gleich, denn er liebäugelt mit der schönen Nachbarin (Freida Pinto). Alfie (Anthony Hopkins), ehemals verheiratet mit Helena, findet seine neue Liebe in einem 20 Jahre jüngerem, blonden Mädchen, welches ihm noch einen Sohn schenken soll. (Ein Schelm, der bei einer solchen Liebelei an den gerade 75 gewordenen Regisseur denkt!)

N ach “Scoop – Der Knüller “, “Cassandras Traum” und “Vicky Cristina Barcelona” wirkt diese Komödie wirklich erfrischend. Mit viel Witz und Seitenhieben, aber wie gewohnt ohne größeren Tiefgang, macht Woody Allen „Viel Lärm um nichts“. Bestechend ist auf jeden Fall das Staraufgebot. Hopkins fühlt sich augenscheinlich wohl in seiner Rolle und auch seine Kollegen stehen ihm in Nichts nach. Es bleibt nicht vielmehr zusagen als die übliche Bewertung der Sneak: Story: schlecht, Regie: mittelmäßig, Musik: mittelmäßig und Schauspieler: sehr gut! Und damit stimme ich mit 39 % der Besucher der letzten Sneak-Preview überein.

Trailer:

Anke Schuster

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Howl – Das Geheul

17.11.2010 11:52

W ir schreiben das Jahr 1957. In San Francisco veröffentlicht ein Student namens Allen Ginsberg das Gedicht „Howl“. Getrieben von seinen Erfahrungen, seinen familiären Umständen, seinen Gefühlen zu Männern und seiner Sicht auf die Gesellschaft, schreibt er all seine Eindrücke in diesem Werk nieder. Doch dies bleibt nicht ohne Folgen. Die geistige Elite bäumt sich auf. Professoren angesehener Universitäten und Lehrer wollen „Das Geheul“ verbieten. Dieses Ziel soll durch einen Gerichtsprozess erreicht werden. Angeklagt ist der Verleger. Die Anklage lautet: „Verbreitung obszönen Schrifttums“. Um die Aufregung zu verstehen, muss erst einmal in das Gedicht reingeschaut werden. Hier ein Auszug:

„Ich sah die besten Köpfe meiner Generation vom Wahnsinn zerstört, verhungernd hysterisch nackt, wie sie sich durch die Negerstraßen schleppten im Morgengrauen, auf der Suche nach einer letzten Spritze (…)“ – Dies ist der Anfang von „Howl“. Anschaulich zeigt es bereits wie anstößig diese Zeilen Ende der 50er Jahre gewirkt haben müssen. Und es verdeutlicht, dass sich zu dieser Zeit etwas ändert: Das Ende der Gerichtsverhandlung war zugleich der Beginn der Beat-Generation und der amerikanischen Gegenkultur. – “ Moloch, dessen Bewusstsein eine reine Maschine ist! Moloch, in dessen Adern Geld fließt!“ Eine ganze Generation fühlt sich missverstanden und wird 10 Jahre später auch in Deutschland vieles ändern.

„Howl – Das Geheul“ ist ein dokumentarischer Spielfilm, der sowohl den Gerichtsprozess, ein Interview mit dem Autor und das Gedicht selbst darstellt. Und das schafft er auf hervorragender Weise. Die Filmemacher Robert Epstein und Jeffrey Friedman haben die drei Stränge geschickt miteinander kombiniert. Stets wird verlinkt: Von Gedicht zu Interview zu Gerichtsverhandlung und von da wieder zurück zum Gedicht, um den Inhalt darzustellen. Sie arbeiten mit Farben und Darstellungsformen. Während der vortragende Ginsberg in einem Studentenkeller in schwarz-weiß gezeigt wird, verdeutlichen die Aufnahmen zu Ginsbergs Interview die 50er Jahre. Faszinierend sind die Animationen, welche die Zeilen von „Howl“ zum Leben erwecken. Sie basieren auf Illustrationen des Ginsberg-Mitarbeiters Eric Drooker. Es ist kaum zu glauben, dass ein Gedicht wirklich filmisch dargestellt werden kann, aber dieser Film schafft es.

A uch schauspielerisch braucht sich “Howl” nicht zu verstecken. James Franco überzeugt als Allen Ginsberg. Die Gerichtsverhandlung wird anschaulich, grandios nachgestellt. Es scheint wie eine Stunde aus dem Literaturunterricht, in der gefragt wird: „Was wollte uns der Autor eigentlich sagen?“ Und vor allem: „WIE hat uns der Autor das gesagt?“ Dieser Zwiespalt bleibt 90 Minuten über bestehen und wird im Urteil aufgehoben.

G ebe es in dieser Rubrik eine Bewertung, würden Epstein und Friedman 10 von 10 Punkten bekommen. Diese Dokumentation beeindruckt auf ganzer Linie. Sie ist spannend erzählt, unterhaltend, inspirierend und macht Lust aufs Lesen.

Kinostart: 6. Januar 2011

Trailer:

Anke Schuster

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„Vergissmichnicht“ (L’âge de raison)

06.11.2010 12:55

C oco Chanel. Marie Curie. Mutter Teresa. Alle drei: Große bedeutende Frauen. – Mit Namen wie diesen macht sich Margaret, die nicht mehr Marguerite genannt werden möchte, Mut bevor sie zu Vorstandssitzungen und Mitgliederversammlungen geht. Immer mit dem Ziel weiter nach oben zu kommen, ihre ebenso strebsame Chefin abzuhängen und die Deals mit 4 % statt mit 3,5 % nach Hause zu bringen. Ihre Beziehung zu Malcom, welcher in ihrer Abteilung arbeitet, hält sie geheim, um nichts an Professionalität zu verlieren.

D och das perfekte Bild bröckelt, als die 40-jährigen zu ihrem Geburtstag ein dickes Päckchen bekommt – vollgepackt mit Briefen und Spielen. Der Absender ist ein siebenjähriges Mädchen. Nach anfänglichem Widerstand (die Briefe landen erst einmal im Müll), nähert sich Margaret dem kleinen Mädchen buchstäblich an. „Was bist du geworden? Welchen Beruf hast du ergriffen?“, fragt die Kleine und trifft damit genau ins Schwarze. Margaret verheimlicht die Briefe Malcom, verlässt eine Sitzung, um die Briefe zu lesen und geht auf die Suche nach dem eigentlichen Ursprung dieser verflixten Nachrichten. Dabei trifft sie einen alten Rechtsanwalt, stolpert, fällt ins Wasser, lernt ihre Sandkastenliebe als Mann kennen und erinnert sich an ihre Familie.

„Vergissmichnicht“ erzählt von einer Frau, die ihre kindliche Seite wieder entdeckt. Sie lacht, sie träumt, sie tanzt und hört auf ihre innere Stimme, statt wie üblich zu funktionieren. Durch die Briefe wachgerüttelt, ändert sich vieles, aber glücklicherweise nicht alles. Der Zuschauer sieht genau das, was zu erwarten ist, wenn sich das kindliche Ich zu Wort meldet. Leider. Schön, dass wenigstens die Beziehung zu Malcom bestehen bleibt und Margaret sich nicht in ihren Träumen um ihre Sandkastenliebe verliert. Es wäre so erfrischend gewesen, zu sehen, wie kindliches Gemüt und geschäftliches Unternehmen zusammenpassen. Aber offensichtlich ist dies nicht möglich. Alles, was sich Margaret als Siebenjährige ausgedacht hat, geht auf.

D afür sind die Rück- und Einblenden grandios gelungen. Spielerisch kreativ werden die Briefe in ihrer Aufmachung in die Erzählung von früher eingeflochten. Dabei wird deutlich, warum Margaret so ist wie sie ist und warum sie sich am Ende auch nicht dafür schämen muss. Mit künstlerischem Aufwand gibt der französische Regisseur Yann Samuell die Welt der kleinen Marguerite wieder. Man sieht sehr gern zu, wie sie als Kind spielt, sich ihre Gedanken macht, mit ihrem Bruder und ihrem besten Freund Philibert Löcher gräbt, um dort Brot reinzuwerfen, damit die armen Kinder auf der anderen Seite der Welt auch etwas zu essen bekommen. Auf diesen Traum wird am Ende sehr schön zurückgegriffen. Auch die Musik der 20jährigen Lisa Mittchell unterstreicht die träumerische Haltung der Komödie. „Neopolitan Dreams“ sollte vielen spätestens nach der Vodafonewerbung mit der Miniaturansicht einer Stadt bekannt vorkommen.

E in wenig schade ist, dass der Titel „Das Alter der Vernunft“ nicht übernommen wurde, denn „Vergissmichnicht“ erinnert doch sehr stark an „Vergiss mein nicht!“ – eine romantischen Komödie mit Kate Winslet und Jim Carrey. Außerdem hätte die Bezeichnung der Entwicklungsphase von Kindern zwischen 6 und 10 Jahren den Focus vielmehr auf die kleine Marguerite gelenkt. Nichtsdestotrotz: Schöner, herzlicher Film für graue Winterabende im Kino. – Bundesstart: 23. Dezember

Trailer:

Anke Schuster

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„Mammuth“

08.10.2010 08:42

“Das bist du. Äußerlich ein Riese. Innen alles weich. Ein Elefant ist dein Herz, und Kaninchen sind deine Hände, ein Seidenäffchen ist dein Schniedel.“ – Rezension zu „Mammuth“

W ie ist das mit der Rente in Frankreich geregelt? Wenn man mit 60 in den wohlverdienten Ruhestand geht, aber vergessen hat seine letzten Arbeitsverträge quittieren zu lassen, muss man die vielen „Wischs“ halt nachreichen. Nur dann bekommt man den vollen Satz der Rente und Zuschläge, um das Haus und die drei Kredite abzuzahlen.

S o ergeht es auch Serge (Gérard Depardieu) und seiner Frau (Yolande Moreau). Sie arbeitet als Verkäuferin in einem Supermarkt. Er war in einer Fleischerei angestellt und das offenkundig schon sehr lange. Denn als Serge den ersten Tag in seinem Ruhestand damit verbringt, einkaufen zu gehen und die Türklinke im Bad zu reparieren, gelingt ihm alles nur mäßig. Er verwechselt die Butter, zerkratz Autos mit dem Einkaufswagen und sitzt im Badezimmer fest, weil die Klinke schließlich abbricht, als er sie festschrauben will. Seine Frau, Catherine, findet das alles nicht gut. Sie kann die Kredite nicht allein abzahlen. Und deswegen schickt sie Serge auf seiner 77er Münch-Mammut los, um die besagten Zettel der ehemaligen Arbeitgeber aufzutreiben. Die Reise führt ihn in seine Vergangenheit. Begleitet durch seine erste große Liebe, die bei einem Verkehrsunfall getötet wurde, trifft er sonderbare und exzentrische Menschen, die ihn mal mehr und mal weniger hilfreich sind.

S o entsteht ein Roadmovie, das sich sehen lassen kann. Wenn zu Beginn des Films die Sache noch klar und geradlinig erscheint, wird die Handlung mehr und mehr durch verschiedene, interessante und witzige Leute vielfältig. Der Protagonist fängt an sich zu verwandeln. Vom unbeholfenen Riesen zum selbstbewussten Rentner, der sich am Ende noch einmal auf die Schulbank setzt. Für diese Rolle ist Gérard Depardieu wie geschaffen. Der behäbige, große Mann mit dem gutmütigem Gesichtsausdruck und den langen, strähnigen Haaren verkörpert Serge bemerkenswert gut. Aus diesem Grund kann man den Autoren, Benoît Delépine und Gustave Kervern, nur beipflichten, wenn sie sagen, dass sie eine Hauptperson schaffen wollten die „beeindruckend und liebenswert“ ist. Das haben sie geschafft. Man fühlt sich in Serge ein und kann gar nicht anders als sich seinem leicht trotteligen Gemüt zu ergeben.

„Mammuth“ enthält noch ein zusätzliches Schmankerl, denn spätestens als Miss Ming vor die Kamera tritt, ist auch der letzte Zweifler überzeugt, dass dieser Film etwas Besonderes ist. Sie spielt sich selbst und die Nichte von Mammuth. Und wer sie noch nicht kennt, sollte sie auf Youtube. de kennen lernen! Ein seltsames, groteskes und verspieltes Mädchen, das den eingangs erwähnten Satz zu ihrem Onkel sagt, als dieser bei ihr einkehrt und seinen Bruder sucht: “Das bist du. Äußerlich ein Riese. Innen alles weich. Ein Elefant ist dein Herz, und Kaninchen sind deine Hände, ein Seidenäffchen ist dein Schniedel.“ Auch Yolande Moreau, bekannt auch „Die fabelhafte Welt der Amelie“, spielt ihre Rolle überragend. Zu Beginn ist sie die sorgende Ehefrau, verwandelt sich jedoch in einen eifersüchtigen Teenager mit wahnsinnig tollem, witzigem Tatendrang.

W ie man sieht, darf man sich „Mammuth“ nicht entgehen lassen. Die Zusammenarbeit von Delépine und Kervern zahlt sich auch in diesem Film aus. Und wem Aaltra bereits gefallen hat, der sollte sich beim neusten Werk der beiden Regisseure und Autoren ins Kino begeben!

Kinostart: 16. September 2010 (absoluter Kinotipp!)

Zum Trailer:

Anke Schuster

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