Denker unserer Zeit
Coverversionen der Magnetic Fields
Vergessene Stile XXIe
28.04.2011 20:47
Miletta Horch: Superanarchist vs. Ruhm
Roter Teppich, Blitzlichtgewitter,
Lobeshymnen, blitzender Glitter,
Sex und Rock und Drogen,
hedofixierte Entgleitungen,
Frühstücksfernsehenschundmorgen,
blassierte Verleitungen.
Umarmungen und Liebesschwüre,
Lorbeerkränze vor der Türe.
Ehre, Anerkennung, Ruhm
schmücken Verheißungen
für oben und unten rum:
Palette der Lobpreisungen.
Nein, nein.
Die wahre Wohltat hinterrücks,
unkenntlich und unendlich leise,
Der Welten Applaus überbrückts
nur flüsternd, zart, nicht weise.
Auf leisen Sohlen auf dem Marsch ist
der Durchtriebene Superanarchist.
Vergessene Stile XXV
06.01.2011 12:42
Kampfgruppendichterkollektiv Lyrik-Gebot!: Programmheft Nr. 239
Not, Elend und Unterdrückung,
Gewalt und Zwang miteinander,
Angst, Einsamkeit und Zweifel,
seelische Leere und
der stete Verfall des Leibes.
Dem entgegen:
Ein sanft schwelender Gesang
voller Schönheit im Klang
und Reichtum an feinen
Nuancen im flirrend reinen
Reich der Renaissancen.
Daher:
Poesie auf den Straßen,
Häusern und Plätzen,
im Alltag, am Abend und immer.
Im Palast und in der Gosse,
im Sternenhügel der Gezeiten
wird Poesie uns begleiten.
Guerillataktik der Poesie wird die revolutionäre Taktik des inzwischen schon kampferfahrenen und strategisch wissbegierigen Untergrundrebellen Ingwer Schürze genannt. Ein Kompliment in den Ohren des Ché Guevara der modernen Lyrikgeneration, dessen gesamtes Ansinnen auf den Umsturz von nichts geringerem als dem prosaischen Weltganzen als solchem gerichtet ist. Revolutionär und attraktiv ist sein Vorgehen, so dass es nicht verwundert, dass H&M bereits eine Modekollektion mit seinem Konterfei und in schwarz (das Bildnis einer Ingwer-Wurzel auf einer Schürze… wie ikonographisch!) in sein Sortiment aufgenommen hat. Aber was ist so radikal und radikal neu und anders an seinem Schaffen? Die Waffe, mit der er und seine Bande ihren Terror ausüben, ist die aus dem Panzerrohr gefischte Blume der Poesie. Unter dem Kampfwort “Lyrik-Gebot!” wirken sie mit illegalen Einbrüchen, bei denen sie atemberaubende Gedichte hinterlassen, dass den Opfern der Hals stranguliert wird vor emotionaler und seelischer Wucht. Sie wirken bei öffentlichen Anlässen, wo sie inzwischen so geschickt sind, dass sie, ohne dass jemand Lunte riecht, die Würde von Massen in Brand setzen könnten und ihnen heimlich Gedichte in Ausschnitt und Schritt stecken. Und wenn die armen Opfer des Terrors die Gedichte erst lesen! Gnade ihnen Gott, ihr Leben könnte dahinsiechen und sie müssten lyrisch wiederauferstehen. Wer einmal die Würde und Gnade eines jener Gedichtes geschaut hat, dem lässt das Licht nicht mehr los. Zu diesem Zwecke hat sich die Bande edelmütiger Gesetzesbrecher und schwerbeherzter Halunken alle Poeten und Schöngeister im Umkreis entführt. (Günter Grass und Wolf Biermann bleiben selbstverständlich zu Hause.) Von diesen werden Gedichte geschrieben wie das vorliegende, dessen dialektische Stiltreppe den Leser vor Wohltat gepeinigt erschaudern und ihn innerlich erfrieren macht, dass sein Herz förmlich aufhört zu schlagen. Im Sinne der Allgemeinheit daher die Warnung: Lesen Sie das Gedicht nicht zu häufig, sie könnten Opfer des Lyrikterrors und dadurch von Grund auf gewandelt werden! (Gerüchten zufolge soll auch der Durchtriebene Superanarchist mit den Revolutionären der Poesie paktieren…)
Vergessene Stile XXId
23.12.2010 23:18
Sina I. Wüste: Superanarchist an Weihnachten
Weihnachtsmann und Besinnlichkeit
heißen die Zutaten zu jener Zeit,
die Grenzen zwischen Jahre setzt,
und Eile durch Religion ersetzt.
Zumindest hat das einer so erdacht,
der wusste um der Ruhe Macht
und von der Lichter lustig’ Glanz.
Nicht zuletzt: Vom Geschenkefirlefanz.
Es war der Weihnachtsmann, der Schwere-
nöter! Ein Mann mit reichlich schwere-
m Bauch und wallend’ Rauschebart
feiert sich und uns schokoladig erstarrt
mit der moralernen Keule so hart
zu duseliger Dudelei abscheulich zart.
Gleich schlechtem Reim, der den Leser narrt…
Mehr Liebe und Wert als Gesang und Gedicht ists
zu würdigen den Durchtriebenen Superanarchist.
Vergessene Stile XXIV
25.11.2010 18:54
Mondgesicht nicht
Punkt
Punkt
Komma
Strich
Mondgesicht
nicht
Es kam eine Zeit da war es allen verstattet zu schreiben und gelesen zu werden ohne die harte Knute der Orthographie im Nacken zu spüren Und da die innere Stimme keine Satzzeichen kennt und die heilige Ordnungskuh Duden schon seit Jahrzehnten nur noch nach und nicht mehr vorschrieb so verwahrlosten und verflachten die Ausdrucksmöglichkeiten zu einer Karikatur dessen was sich einst ev jemand bei der Institutionalisierung des Systems Sprache gedacht haben könnte Natürlich verstanden sich trotzdem alle und jeder kannte im alltäglichen Palaverritus seinen Text und verpasste nur selten seinen Einsatz doch es war viel schlimmer Die Interpunktionen waren verschwunden sie waren geflüchtet weil sie sich nutzlos vorkamen und sie den steten monotonen Fluss der Rede ohne Grenze und Struktur nicht mehr aushalten konnten Wohin wusste keiner und es fragte auch niemand nach ihrem Verbleib weil alle mit reden beschäftigt waren Ein paar Unkenrufe meinten sie wären unter die Erde gekrochen andere glaubten sie wären vor Scham geplatzt keiner wusste etwas genaues nur eins sie waren weg Eine vage Spur des Sprachreichtums ja geradezu des Lebens das Interpunktionen der Kommunikation einzuhauchen vermögen geben vereinzelte Gedichte die ironischerweise zwar Interpunktionen thematisieren aber auf deren Benutzung verzichten Ist die bedrückende und fast nicht nur lingual apokalyptische Stimmung Zeugnis der verloren gegangenen Poesie die von den Interpnktionen höchstselbst dem verwaisten Menschengeschlecht als Mahnmal entgegenhalten wird oder beschwört hier ein letzter syntaktischer Mohikaner ein längst vergangenes Saeculum Bedrückt bleibt dem staunenden Leser nur das bange Eingeständnis keine Antwort auf diese entscheidende Frage in seiner Westentasche zu haben Wehe
Vergessene Stile XXIII
05.11.2010 19:33

Horst Rippert: Dahin der Prinz
Vögel und Wolken am französischen Himmel
begleiten der Aufklärung Jagd,
über dem Meer bei Marseille im Kriegsalltag.
Der Ehrenkodex der Jagdgruppe 200
ist nicht gemacht für Frieden und Ausgleich,
seh’ ich den Feind, dann schieß ich gleich.
Und was haben wir denn da? Ein Flugzeug
mit französischer Flagge,
ich schieße schnell, es ist nicht aus Pappe.
Aus Blut ist mein geliebter kleiner Prinz,
seit unserer Begegnung nicht nur aufgequollen,
sondern auch tot, abgestürzt und verschollen.
Die Lyrik des Soldaten, Folklorebruders und Schöngeistes Horst Rippert stand immer unter dem Motto: “Wenn du nichts kannst, so töte wenigstens einen Literaten!” Das wusste der junge Rippert schon in der Schule, als er sich den Namen Karl Ludwig Sand eigenhändig in die Wade einritzte. Das war auch der Grund, warum er sich 1941 zum Jagdflieger ausbilden ließ. Er wurde nach Frankreich in den Krieg geschickt und unternahm alles für seinen Lebenstraum: Legendär nervtötend waren seine immer wiederkehrenden Fragen, die er über Funk an seine Vorgesetzten stellte: “Lebt dieser Proust denn noch? Warum nicht?” Rippert ließ nichts unversucht, um endlich einen Literaten zu ermorden. Als er am 31. Juli 1944 ein scheinbar privates Flugzeug mit einer französischen Flagge unter sich fliegen sah, witterte er Morgenluft: Einfach abballern! Die Chancen, einen Literaten zu erwischen, standen gut. Groß war natürlich seine Freude, ausgerechnet den Autoren des kleinen Prinzen, Antoine de Saint-Exupéry, abgeschossen zu haben. Auch wenn er später immer wieder sporadisch behauptet, das wäre Zufall gewesen, so fällt seine Tarnung bei genauer Betrachtung leicht von ihm ab: Unter dem Titel “Mit dem Herzen schießt man gut, mit dem Gewehr aber besser!” veröffentlichte er 2004 seine gesammelten Gedichte, die sich allesamt mit dem “versehentlichen” Mord beschäftigen und unverhohlen Intentionalität atmen. Selbst in späteren Jahren als Sportreporter des ZDF gab er gern spontan, wenn die Übertragung sich gerade zäh in die Länge zog, ein Gedicht zum Thema von sich. Schade, dass sein Bruder Hans Rippert, der sich nicht umsonst eben nicht Jean Rippon, sondern Ivan Rebroff nannte, nie Zeit und Muße zur Vertonung der brutalen, aber hochmelodischen Gedichte fand. Möge er in Frieden ruhen! Dass Horst Rippert durch sein lyrisches Schaffen selbst zum Literaten wurde, ließ ihn leicht paranoid werden, so dass er jeder neuen Bekanntschaft zuerst die misstrauische Frage stellte: “Was ist dein Lebenstraum?” Wer darauf die falsche Antwort gab, wurde zu Marcel Reich-Ranicki geschickt.
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- Komme zu „Konzert: Setting Sun“ Donnerstag, 5. Mai von 19:00 bis 22:00 . http://fb.me/GgdMBBF7 19.04.2011 22:23
