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Vergessene Stile XIV

22.05.2010 14:16

Staub zuhauf

Staub zu Staub,
Staub zuhauf,
unsere Zukunft voller Dreck.
Staub von fern
aus dem All,
menschlich’ Treiben verdeckt.
Wo Bauten
stolz schauten,
wird Wüste und Meer sein,
Gedächtnis
Vermächtnis
wird wüst und leer sein.
Staub zu Staub,
Staub zuhauf,
trägt Sauberkeit nieder und weg.

Mit dem Fortschritt der modernen Archäologie hat sich eine neue Wissenschaft etabliert: Pulvologie- die Wissenschaft des Staubes. Fußend auf der Erkenntnis, dass eine Kombination aus feinsten Staubpartikeln aus dem weiten Universum und zivilisatorischer Müll aus den Niederungen der Menschheit zu einer Aufschichtung von Staub und Dreck führt, die den Meeres- und Bodenspiegel unserer Erde stetig anhebt, ergründen diese neuen Wissenschaftler das dreckige Wachstum der Welt. Aber sie vermögen die bittere Gewissheit, dass monumentale Bauwerke von einst, errichtet von schweißtriefender Menschenhand, notgedrungen, prinzipiell und unaufhaltsam von der Erde aufgesogen und verschlungen werden, nicht anders als lyrisch zu verkraften: Essays sind Elegien, Analysen Anagramme, Kommentare Kanzonen. Die Erkenntnisse der Pulvologen drehen sich dabei immer um Vergänglichkeit, Dekadenz (“Mit Staub auf der Haut/ dringt der Dreck in mich ein,/ ich werde Dreck allein sein,/ so es mich umhaut.”) und die bange Frage, ob der Müll der Erde sich tief ins Unendliche auftürmen wird, bis alles voll ist und kein Platz für nichts mehr sein wird: “Vollgepackte Unendlichkeit!/ Für Überfülle an Müll bin ich bereit,/ triefend vor Unrat und breit/ vergehe ich in voller Zeit.” Verschüttete Vergangenheit und bange Zukunft sind die Triebfedern poetisch wissenschaftlicher Rührung und Ergriffenheit und der Anspruch der Pulvologen, die Krone der Wissenschaft zu sein, wird mit jeder tränenrührigen Zeile manifestiert: Wo Bauten stolz schauten…

Sebastian Schreck

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