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Vergessene Stile XV

29.05.2010 13:36

Almanach der Depression VII: Ekloge 37- Alltag allein verzweifelt

Zu Hause das Geschrei junger Seelen
und Einsamkeit und lange Zeit
des Abends. Des Morgens
nur verpasste Verabredungen
und die tiefen Wunden im Gemüt.

Der Grübelzwang kein Freund mehr,
kein Kompagnon der Körper
und der Schritt hinkt undurchdacht
hinterher: Vor Kummer und Gewalt
macht kein Empfinden halt.

Zum Bläffen im Alltag reicht die Kraft
notgedrungen, auch wenn Prioritäten
anderswo vonnöten wären.

Das halbe Verständnis und Mitgefühl
der Gesunden stoppt vor inneren Mauern
und den verzerrten Sphären.

Es musste erst ein Fußballer sich von seiner Depression vor einen Zug werfen lassen, damit das Verständnis einer Krankheit, die sich nicht primär physisch, sondern psychisch äußert, Verbreitung findet. Dabei gehen Forschungen längst davon aus, dass jeder in seinem Leben mindestens einmal von einer Depression ereilt wurde. Jedoch mangelt es selbst der aufgeklärten Neuzeit an Willen zum Eingeständnis und zum Umgang mit der Krankheit, die entweder als alltägliche schlechte Laune banalisiert oder als modernistischer Spleen stigmatisiert wird. Was läge also näher als die Zuhilfenahme der Kunst? Denn wozu Kunst, wenn nicht zur Errettung vor dem eigenen, dysfunktionalen Selbst? Die Propagandapolitik der DGBS schwenkte, gefördert vom Bundesministerium für Soziales, von leerer, sloganhafter Werbung über zu schwerer, inhaltsgefüllter Lyrik direkt aus dem knietiefen Schlund der verzehrenden Krankheit. Die “Almanache der Depression” brechen gleich einer Lawine überall hervor und kämpfen stilsicher, gekonnt und beredt gegen die Tabus bürgerlicher Ignoranz an, mal vertrackter (“Selbstmordmöglichkeiten: Gegen Wand laufen oder/ sich zu Tode prügeln oder/ erfrieren, erfrieren in der Kälte der Einsamkeit/ immer wieder und wieder.”) und mal direkter (“Sex, der dumme Spielplatz/ gesunder, langweiliger Tiere/ ohne Schuld und Verlust-/ Was für ein Stuss!/ Minderer Wert umarmt nicht/ sondern verzehrt.”) Symptome und Empfindlichkeiten benennend. Gesteht sich die Gesellschaft erst die eigene Unzulänglichkeit ein, becirct vom Metrum des Niederdrückens, kann die Therapie des Selbst beginnen.

Sebastian Schreck

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