Denker unserer Zeit
Coverversionen der Magnetic Fields
Egal ob man für oder gegen den Krieg ist
13.06.2010 12:08
V or einigen Wochen konnte man in den Medien eine rege Diskussion über den gesellschaftlichen Umgang mit Soldaten und die Würdigung ihrer Arbeit verfolgen. Das Nachrichtenmagazin exakt veröffentlichte unter dem Titel „Anfeindungen gegenüber Afghanistan-Soldaten“ zahlreiche Zitate, die zeigen, welchen verbalen Angriffen sich deutsche Soldaten zu Hause aussetzen müssen. In eben diese Auseinandersetzung passt der neue Film von Oren Moverman: „The Messenger – Die letzte Nachricht“:
S ergeant Will Montgomery war selbst im Irak stationiert und wurde dort am Bein und im Auge verwundet. Ein viertel Jahr bevor er aus der US-Army entlassen werden soll, wird er in eine andere, wichtige Einheit versetzt. Er soll nun den Auftrag übernehmen, Angehörigen in den Staaten die Nachricht zu übermitteln, dass ihre Verwandten im Krieg gefallen sind. Eine schwere Aufgabe für den ruhigen und gesundheitlich angeschlagenen Soldaten. Wider Willen sagt er zu. Sein Vorgesetzter Captain Tony Stone vermittelt ihm als erstes die „Spielregeln“: nicht klingeln, nur klopfen, die Hinterbliebenen nicht anfassen, Ruhe bewahren. Die ersten Male überbringt Tony noch selbst die Nachricht, danach führt Will die Gespräche. Vor ihm brechen Witwen zusammen, er wird von einem Vater angespuckt, andere übergeben sich bereits beim Anblick der beiden Soldaten und der Vorahnung, welche Nachricht sie überbringen mögen. Weil eben diese Leute „Menschen und keine Roboter“ sind, bricht Will das übliche Prozedere immer mehr auf. Er hilft den Hinterbliebenen, berührt sie und geht auf ihre Bedürfnisse ein.
A ls er die „letzte Nachricht“ der jungen Mutter Olivia überbringt, ist er ergriffen von ihrer Gefasstheit und als er sie wenig später im Einkaufszentrum wiedersieht, fängt er an, mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Im Laufe des Films stellt sich für den Zuschauer nicht nur die Frage, wie die Hinterbliebenen mit dieser Nachricht umgehen. Ins Zentrum rücken die Bedürfnisse der Nachrichtenüberbringer. Der nach außen hin so starke Tony fällt in seinen Alkoholismus zurück. Will zieht sich nach seiner Arbeit stets in sein dunkles Apartment zurück und versucht dort mit seinen Erlebnissen fertig zu werden. Ihn belasten nicht nur die Schicksale der Menschen, die er gerade besucht hat, sondern auch sein eigenes Trauma vom Krieg. Am Rande wird hinterfragt, welche Rolle Soldaten einnehmen, wenn sie nach zwei, drei Jahren aus Afghanistan oder dem Irak zurückkehren. So ist beispielsweise Will zur Hochzeit seiner Exfreundin eingeladen, die vor wenigen Wochen noch bei ihm war und eine Ehe strikt abglehnt hat.
M overmans Film ist bedrückend. Er ist laut und leise. Er ist dunkel, nur bisweilen hell. Er ist in ein Gefängnis-blau gehüllt, so dass die Verzweiflung beider Seiten beinah greifbar wird. Seine Kameraführung gleicht stellenweise einer Digicam, die einfach nur dabei ist und mitfühlt. So entsteht ein dokumentarischer Charakter, der sehr viel Aufschluss gibt über innere Zustände. In einer Szene prostet der Bräutigam von Wills Exfreundin dem Protagonisten zu und fordert die Hochzeitsgäste auf, „egal ob man für oder gegen den Krieg“ sei, auf die Soldaten zu trinken, denn das Volk stünde hinter ihnen. Dieser Satz macht Will und Tony, der ihn begleitet, nicht stolz. Es scheint, als würden sie diese Aussagen leid sein.
U nd eben in diesem Punkt kommt alles zusammen. Egal ob einem Soldaten ein Verwundeten-Abzeichen angeheftet oder in Ansprachen seine Arbeit im Krieg gewürdigt wird – diese Dinge helfen ihm wenig, Bilder, Verletzungen und Erlebnisse zu verarbeiten. Movermann, selbst ehemaliger Soldat, trägt mit seinem Film zum Verständnis der Soldaten bei und erhält dafür 2009 den Friedensfilmpreis der Berlinale, der für den „Dienst des friedlichen Miteinanders und des sozialen Engagements“ steht.
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