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Vergessene Stile XVII

22.06.2010 09:59

Gabriela Bitter-Nötig: Schicksalssurf

Der Wille unverträglicher Innerlichkeit
zerfiel hastig am Parkplatz nebenan,
die Freude papperner Äußerlichkeit
erfror kalt, modern und teuer.
Fatale Freiheit, im Fatum fiebernd.
Wie fein zu fliegen auf der Weltenbahn,
halte nicht an, halte nicht an!

Die strengen Seile des Zwanges
fügen sich majestätisch im Lampenschein,
Fatale Freiheit, im Fatum fiebernd.
Fatale Lust, eins zu sein mit der Fügung
des fremden Geschicks, des Befehles
außerhalb des Ich liegt Glück.
Fatale Lust an Fortuna.

Der Zeitgeist in Lyrik: Die weit verzweigte Großfamilie Bitter (in süddeutschen Regionen auch Bitterer und Bittebitter) erschuf in ihrer jahrhundertealten Tradition ein Zeugnis des freudvollen Determinismus und der ästhetischen Vertracktheit und trotzdem Verschmitztheit der Fügung in das Unvermeidliche. Dass dies genau heute dem Denken der Zeit entspricht und längst A3-Poster, auf denen Bitter- Gedichte abgebildet und gestaltet sind, der FAZ wie der Bravo zu reißenden Absätzen verholfen haben, ist laut Familienpatriarch Ernst Bitterer “bittere Fügung und verdrießliche Verpflichtung”. Aber sein zugegeben recht pessimistischer Tonfall (“Ich folge meinen Schritten,/ das nächste Stolpern im Sinn,/ wie von selbst, nur zweifelnd und allein.”) ist im reichhaltigen Nuancenfundus der Bitteren nur eine Schattierung, wie das vorliegende Gedicht der noch jungen Gabriela Bitter, geb. Nötig (erst vor 3 Jahren wurde sie verbittert) belegt: Behandelt es doch das Reiten auf einer Meereswelle, eingebettet in genussreiche Schicksalsfügung und Ergötzung am Zwang des Miteinander. Der ernste bis lustvolle Anti- Existenzialismus schimmert gülden durch Zeilen wie “Fatale Freiheit, im Fatum fiebernd” und gibt einer ganzen Generation den fatalen, bitteren Sound zur einfallslosen Ein- und Unterordnung, um freudig dem “Tod! Tod! Tod!” (aus: Ernst Bitterer: Des Todes Klauen) entgegenzugehen.

Sebastian Schreck

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