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Vergessene Stile XVIII

07.08.2010 14:32

Knut Schneekloth: Die Gedichte sind frei

Die Gedichte sind frei,
wer kann sie erschließen?
Sie springen herbei
wie tölpische Riesen.
Kein Mensch kann erfassen,
was metrisch springt gelassen,
es bleibet dabei:
Die Gedichte sind frei.

Knut Schneekloth lässt nicht durchblicken, ob sein lyrisches Schaffen sich absichtsvoll oder unbewusst am Werk des Sexualaufklärers Oswalt Kolle orientiert. Auffällig sind die Parallelen aber allemal: Angefangen vom ersten Gedichtband “Poetry Gang- Bang!” (erschienen 1969) über “Dein Reim, das unbekannte Wesen” (1971, mit Adaptionen vieler bekannter Volksweisen, z.B. “Kommt ein Reime geflogen” und “Alle Reime sind schon da”) und “Das Wunder des Metrums” (1972, mit den ermutigenden Zeilen: “Gedichte zu dritt/ halten dich fit./ Und Reime allein/ fallen nicht ein./ Daher lasse Vortritt/ dem Gedichte zu dritt!”), eine Periode im Oeuvre Knut Schneekloths, die gemeinhin sein Image als Lyrikaufklärer manifestiert, als einer, der den eingeschüchterten und befangenen Menschen von der Straße, die Gedichte nur im Dunkeln unter der Bettdecke lesen, die Freuden und die Vielfalt der Poesie näher bringt. Aber damit gab er sich mit zunehmenden Alter nicht zufrieden. So bekannte er sich 1982 öffentlich zur Binarrativität mit den Worten “Es ist keine Schande, nicht nur Lyrik, sondern auch Prosa zu schreiben” (Durch sein glorreiches Beispiel verstärkt hat sich seitdem die Outing- Quote verdreifacht!). Inzwischen lebt er zurückgezogen in Amsterdam und tritt nur noch unregelmäßig mit Gedichtveröffentlichungen in Erscheinung. Dabei widmet er sich leidenschaftlich der gesellschaftlichen Grauzone “Lyrik im Alter” (so auch der Titel der 2007 erschienen Anthologie des Spätwerkes) und versucht, auch alten Menschen die Freude an Lyrik gegen alle sozialen Tabus nahe zu legen: “Für Lyrik ist es nie zu spät: / Eine Brille und ein Hörgerät/ und Krankenpfleger Ahmed/ illuminieren Gedichte von früh bis spät.” Nicht nur die Lyrik, sondern auch die Menschheit muss ihm für solche kontroversen Inhalte und aufrüttelnden Zeilen Tribut zollen.

Sebastian Schreck

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