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Vergessene Stile XIX

02.09.2010 21:50

Porträtlyrik

Veronika mit wallend blondem Haar
und Haut, weiß, glatt und klar.
Könnten deine Augen funkeln,
sähen sie viel besser und klar,
als wären sie mehr
als kuhische Furunkeln.

Veronika mit dünner, langer Figur,
jung zwar, doch Vogelscheuche nur.
Wären deine Bewegungen nicht hölzern,
könntest du abschreiten den Flur
elegant und galant
wie auf Streichhölzern.

Da die alttouristische Attraktion der Porträtmalerei auf Flaniermeilen nur noch anachronistisch und überholt ist, musste sich die internationale Gilde der vereinigten Porträtmaler ein neues Konzept überlegen, um mit ihrer Kunst Geld und Anerkennung zu erlangen. Erstaunlich, dass sie, anstatt in irgendeiner Form neue Medien zu nutzen und MySpace-Seiten einzurichten oder PowerPoint-Präsentationen zu erstellen, auf eine altbewährte Kunstform zurückgriffen: Das Gedicht. “Wir sind nicht wie andere, wir sind unsere eigene Zeit!”, so der Sprecher der ehemaligen Porträtmaler, die nun Porträtlyriker sind, mit dem etwas albernen Künstlernamen Wolfgang von Picasso, “Und außerdem vermag Lyrik unser Innerstes ganz unkompliziert und direkt auszudrücken.” Die Gedichte, die seit dem in die Geschichtsbücher als Porträtkulturwende eingegangenen Stilwechsel im Jahre 2006 entstanden sind, pflegen dabei inhaltlich eine gewisse ironische, sarkastische Distanz zum Gegenstand des lyrischen Interesses, die nicht selten zu mangelnder Zahlungsmoral der unflätig Porträtierten, Ohrfeigen und vereinzelt sogar zu Klagen geführt hat. Zur Verfügung wurde uns das vorliegende Gedicht “Veronika” von Sibylle (Name geändert) gestellt, die selbstverständlich nicht ihre wahre Identität preisgeben möchte. Nur soviel: Es könnte jede langhaarige, dürre, kuhäugige Blondine in Ihrer Umgebung sein…

Sebastian Schreck

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