Denker unserer Zeit
Coverversionen der Magnetic Fields
Vergessene Stile XXIII
05.11.2010 19:33

Horst Rippert: Dahin der Prinz
Vögel und Wolken am französischen Himmel
begleiten der Aufklärung Jagd,
über dem Meer bei Marseille im Kriegsalltag.
Der Ehrenkodex der Jagdgruppe 200
ist nicht gemacht für Frieden und Ausgleich,
seh’ ich den Feind, dann schieß ich gleich.
Und was haben wir denn da? Ein Flugzeug
mit französischer Flagge,
ich schieße schnell, es ist nicht aus Pappe.
Aus Blut ist mein geliebter kleiner Prinz,
seit unserer Begegnung nicht nur aufgequollen,
sondern auch tot, abgestürzt und verschollen.
Die Lyrik des Soldaten, Folklorebruders und Schöngeistes Horst Rippert stand immer unter dem Motto: “Wenn du nichts kannst, so töte wenigstens einen Literaten!” Das wusste der junge Rippert schon in der Schule, als er sich den Namen Karl Ludwig Sand eigenhändig in die Wade einritzte. Das war auch der Grund, warum er sich 1941 zum Jagdflieger ausbilden ließ. Er wurde nach Frankreich in den Krieg geschickt und unternahm alles für seinen Lebenstraum: Legendär nervtötend waren seine immer wiederkehrenden Fragen, die er über Funk an seine Vorgesetzten stellte: “Lebt dieser Proust denn noch? Warum nicht?” Rippert ließ nichts unversucht, um endlich einen Literaten zu ermorden. Als er am 31. Juli 1944 ein scheinbar privates Flugzeug mit einer französischen Flagge unter sich fliegen sah, witterte er Morgenluft: Einfach abballern! Die Chancen, einen Literaten zu erwischen, standen gut. Groß war natürlich seine Freude, ausgerechnet den Autoren des kleinen Prinzen, Antoine de Saint-Exupéry, abgeschossen zu haben. Auch wenn er später immer wieder sporadisch behauptet, das wäre Zufall gewesen, so fällt seine Tarnung bei genauer Betrachtung leicht von ihm ab: Unter dem Titel “Mit dem Herzen schießt man gut, mit dem Gewehr aber besser!” veröffentlichte er 2004 seine gesammelten Gedichte, die sich allesamt mit dem “versehentlichen” Mord beschäftigen und unverhohlen Intentionalität atmen. Selbst in späteren Jahren als Sportreporter des ZDF gab er gern spontan, wenn die Übertragung sich gerade zäh in die Länge zog, ein Gedicht zum Thema von sich. Schade, dass sein Bruder Hans Rippert, der sich nicht umsonst eben nicht Jean Rippon, sondern Ivan Rebroff nannte, nie Zeit und Muße zur Vertonung der brutalen, aber hochmelodischen Gedichte fand. Möge er in Frieden ruhen! Dass Horst Rippert durch sein lyrisches Schaffen selbst zum Literaten wurde, ließ ihn leicht paranoid werden, so dass er jeder neuen Bekanntschaft zuerst die misstrauische Frage stellte: “Was ist dein Lebenstraum?” Wer darauf die falsche Antwort gab, wurde zu Marcel Reich-Ranicki geschickt.
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— ZES · 05.11.2010 20:10 · #